Mit ganz viel Liebe kochen

Ernährung – Ratschläge gibt es viele, doch gesund Essen ist eigentlich ganz einfach
und nahe lie­gend – Die Gesundheitsberaterin Christa Kling bringt Licht ins Dickicht

von Andrea Volb

 

Hildegard von Bingen schwört auf Dinkel. Der Arzt Otto Bruker empfiehlt den täglichen Frischkorn­brei und wettert gegen Zucker und  Weißmehl. Die traditionelle chinesische Medizin lehrt die Har­monie der Lebensmittel nach den fünf Elementen. Ayurveda strebt nach dem Ausgleich der Kräfte durch die Auswahl der Nahrung  und der Gewürze. Und der moderne Mensch ahnt, dass seine Er­nährung nicht optimal ist, dass Unwohlsein und Energiemangel mit dem zusammenhängen, was er isst. Er sieht aber zugleich einen undurchdringlichen Dschungel von Ernährungslehren und hat au­ßerdem keine Zeit, stundenlang in der Küche zu stehen. Das Frauen-ECHO bat die Büttelborner  Gesundheits- und Ernährungsberaterin Christa Kling, in einem Gespräch ein wenig Licht ins Dickicht zu bringen.

ECHO:  Frau Kling, eine Feststellung zu Beginn: Ernährung ist ein kompliziertes Thema.

Christa Kling:  So kompliziert ist es gar nicht. Es ist eigentlich sogar ganz einfach, sonst müsste man sich doch fragen, warum unsere Vorfahren Jahrtausende überlebt haben ohne all die Expertentipps. Wir sehen aber im Vergleich zu vielen  anderen Kulturen, dass der Mensch viele Ernährungsformen verträgt, nur eine nicht: die westliche Zivilisationskost. Siebzig Prozent der Krankheiten sind Zivilisati­onskrankheiten. Der Gesundheitszustand von Menschen, die sich von der westlichen Zivilisationskost abwenden, verbessert sich dramatisch.

ECHO:  Abwenden von der Zivilisationskost heißt: Iss nichts, wofür die Industrie Werbung macht?

Christa Kling:  Oder: Iss nichts, was deine Großmutter nicht als Essen erkannt hätte. Oder: Iss nur Le­bensmittel, die verderben können. Also keine denaturierten Lebensmittel. Lebensmittel müssen le­bendig sein. Ein Fertignahrungsmittel ist tot, es kann keine  Vitalität liefern. Mit ursprünglichen, na­turbelassenen Lebensmitteln aber lässt sich für die Industrie kein Profit machen.

ECHO:  Die Großmutter wusste noch, dass der Kohleintopf im Winter die Nährstoffe und die Wärme bringt, die der Körper braucht, und nicht die unreif geerntete und monatelang transportierte Orange vom anderen Ende der Welt.

Christa Kling:  Ja, die Natur hält alles bereit, was wir brauchen. Zum Beispiel die verschiedenen Kohl­sorten im Winter: Auf heimischen Feldern hatten sie genug Zeit zu reifen, bevor sie geerntet werden, sie sind voller Vitamine und Mineralstoffe. Oder die vielen Wildkräuter wie Giersch, Löwenzahn, Brennessel, die uns das ganze Jahr über mit Bitterstoffen versorgen, die für die Verdauung und Ent­giftung wichtig sind. Die Orangen wachsen für die Menschen, die in der Hitze kühlende Nahrungsmit­tel brauchen.

ECHO:  Lebensmittel aus der Region und aus der Jahreszeit – gibt es noch weitere grundsätzliche Empfehlungen?

Christa Kling:  Auf optimale Lebensmittelqualität achten. Unverarbeitete pflanzliche Lebensmittel essen, das heißt Gemüse, Vollkorngetreide, Obst. Den Fleischkonsum und den Zuckerkonsum stark zurückfahren. Nur zu achtzig Prozent satt essen und vier bis fünf Stunden Nahrungspause einhal­ten. Ganz wichtig: Mit viel Liebe und guten Gedanken kochen. Und sich Zeit nehmen fürs Kochen und  fürs Essen. Um mit Kneipp zu sprechen: Wer nicht jeden Tag etwas Zeit für seine Gesundheit aufbringt, muss eines Tages sehr viel Zeit für die Krankheit opfern. Man muss ja nicht gleich alles umkrempeln, sondern Schritt für Schritt gehen. Empfinden und Geschmackssinn stellen sich so schnell um, dass  man zu süßes oder stark verarbeitetes Essen mit Geschmacksverstärkern gar nicht mehr mag. Es ist dann auch leichter, in sich hinein zu hören.

ECHO:  Dann kann man  Vorlieben und Abneigungen durchaus erst nehmen? Was der eine dringend als bekömmlich und gesund empfiehlt, verursacht dem anderen Unwohlsein.

Christa Kling:  In der Tat gibt es nicht die eine richtige Ernährung, die  für jeden gilt. Es gibt Ernäh­rungstypen, je nach charakterlichen Eigenschaften, nach Körperbau und Lebensgewohnheiten. Die Typenlehre ist uralt und findet sich in allen Kulturen. Hippokrates teilt Konstitutions-  und  Tempe­ramentstypen ein nach den Elementen Feuer, Wasser, Erde und Luft, in der Ayurveda sind es Vata, Pita und Kapha, im Chinesischen Yin und Yang oder die fünf Elemente Wasser, Holz, Metall, Erde und Feuer, die deutschen Wissenschaftler Ernst Kretschmar  und Carl Huter arbeiteten an Typenleh­ren nach Körperbau und Naturell. In meiner Praxis unterscheide ich drei Ernährungstypen: den Empfindungstyp, den Entspannungstyp und den Bewegungstyp. Die meisten Menschen sind Mischtypen.

ECHO:  Können Sie diese Typen näher beschreiben?

Christa Kling:  Der Empfindungstyp zum Beispiel hat einen zarten Knochenbau, handelt rasch und impulsiv, ist begeisterungsfähig, aber auch schnell erregbar. Für diesen Typ eignen sich warme Ge­richte, warmer Getreidebrei auch schon zum Frühstück, Suppen, weniger Rohkost und Frischkorn­müsli. Der Entspannungstyp ist von kräftiger Statur, neigt zu Trägheit. Er verträgt Rohkost, für ihn sind leichte kühlende Speisen ideal, wasserreiche Gemüse wie Tomate, Gurke oder Paprika. Der Be­wegungstyp ist dynamisch, sucht die Herausforderung. Für ihn kommen zum Beispiel Salate und Roh­kost in Frage, aber auch kräftige Eintöpfe, er kommt auch gut mit kohlehydratreicher Nahrung zu­recht.

ECHO:  Ernährungsbewusste Menschen wirken oft ein bisschen sektiererisch auf andere. Vor allem, wenn sie sich nicht dauernd verführen lassen.

Christa Kling:  Das ist ein schwieriges Feld. Entscheidend ist, dass ich weiß, was ich will. Dann kann ich meinen Weg gehen. Leichter ist das natürlich in einem Umfeld, in dem die Lebenseinstellun­gen und Ernährungsgewohnheiten nicht zu weit auseinander klaffen: Deshalb wäre es ja so schön, wenn die naturbelassene Nahrung wieder Normalität wäre.